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Ohne Trikot keine Züri Metzgete

Vor 99 Jahren legte sich ein Zürcher Veloverein erstmals chice, teure Trikots zu. Um die Leibchen bezahlen zu können, erfand der Club flugs eine neue Einnahmequelle: die Züri Metzgete.

07zu15zuerim2«Es ist kaum auszuhalten, die Wolle sticht fürchterlich», sagte Nachwuchsrennfahrer Tino Eicher. Der 19-Jährige hatte ein jahrzehntealtes Urtrikot des Radfahrer-Vereins Zürich (RVZ) fürs Foto übergezogen. Die Idee, im etwas steifen und leider überaus kratzigen Wollstoff auch ein paar Runden auf der offenen Rennbahn Oerlikon zu fahren, hat das junge Talent schnell wieder fallenlassen. «Viel zu unbequem», sagte Eicher.
So oder noch schlimmer dürfte sich auch jenes Trikot getragen haben, welches zur Gründung des Mythos Züri Metzgete führte.

Denn hätte der Radfahrerclub Westfalen aus Zürich 1910 nicht einen teuren und unbequemen Dress für die Vereinsmitglieder beschafft: Die Züri Metzgete gäbe es heute vermutlich nicht. Nach dem Kauf der Rennbekleidung war die Vereinskasse des RC Westfalen – ein Vorläufer des Radfahrer – Vereins Zürich – vollkommen leer. Schlimmer noch: Der Verein hatte nun Schulden, die es zu tilgen galt. Damit ist bewiesen, dass schon die Urgrossväter (zu viel) Wert auf Äusserlichkeiten legten und mit unbedarftem «Klamottenshopping» in die Schuldenfalle tappten – wie heute manche ihrer Enkel. Allerdings wussten sich die Velosportler auch selbst zu helfen. Flugs erdachten die tüchtigen Herren eine Geldquelle: die Meisterschaft von Zürich (MvZ), besser bekannt als Züri Metzgete.

Züri Metzgete wird zur Tradition

In Wirtschafts-Deutsch formuliert, gelang den Zürcher Radlern mit dem 50 Kilometer langen Amateurrennen der Turnaround. Start und Ziel waren im damals noch ländlichen Schwamendingen, die Tour verlief als Rundkurs über Uster und Illnau. Der Anlass spülte genügend Geld in die Vereinskasse, der Club war gerettet. An eine regelmässige Wiederholung des Rennens dachte vorderhand niemand. Die MvZ fand bis 1917 nur in unregelmässigen Abständen statt. Erst nach der Zusammenlegung von drei Zürcher Veloclubs (RC Westfalen, Radfahrer-Union Zürich, Racing-Club) zum Radfahrer-Verein Zürich (RVZ) wurde die Züri Metzgete zu einer jährlichen Tradition.
Der Rundkurs führte Jahrzehnte lang, teilweise über Schotterstrassen, von Zürich durchs Unterland zurück in die Stadt. An den berüchtigten Steigungen bei Siglistorf und Regensberg trennte sich die Spreu vom Weizen, ehe es zurück nach Zürich ins Ziel ging. Dieses war lange in Oerlikon, zeitweise auf der offenen Radrennbahn.
Ab und an wurde die Strecke variiert, sodass manche Sportler zeitweise auch in den Genuss des dritten Unterländer «Sauhundes» kamen, nämlich des ungemein steilen Hüttikers. Der Name Züri Metzgete soll sich – einer von vielen Deutungen zufolge – von den vielen Stürzen und entsprechend verletzten Radlern auf den Schotterstrassen der Tour abgeleitet haben.

Die grossen Velolegenden

Ende der 1960er-Jahre stieg die zum Profianlass mutierte Züri Metzgete in die Liga der renommiertesten Radrennen der Welt auf. Entsprechend liest sich auch die Galerie der Sieger und der Besiegten. Auf dem Podest standen etwa Francesco Moser, Didi Thurau, Eddy Merckx, Lance Armstrong oder Fränk Schleck.
Als Sieger rollten über die Jahrzehnte auch immer wieder die grossen Schweizer Velohelden ins Ziel. Zum Beispiel Ferdy Kübler oder Hugo Koblet. Erfolgreich war auch der Bergfloh Beat Breu, der in jüngster Zeit meist bloss noch ungewollt komisch auffällt. 1981 konnte er an der Züri Metzgete den ersten aufsehenerregenden Sieg seiner Karriere feiern.
Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich, der wegen Dopings geächtete deutsche Velostar, versuchte sich viermal an der Züri Metzgete: Er wurde jedesmal unglücklicher Zweiter.
In den 1990er Jahren begann der langsame Niedergang der traditionellen Züri Metzgete. Sponsoren stiegen aus, die Streckenführung wurde immer wieder geändert, der Start nach Basel verlegt und zwischenzeitlich hiess die Metzgete «Grand Prix Suisse». Nach den grossen Dopingskandalen in der Radsportszene war 2007 endgültig Schluss. Die letzten Geldgeber verabschiedeten sich aus der professionellen Veloszene, die zur «Leistungsschau der illegalen Pharmaindustrie» verkommen war. Zum ersten Mal seit 90 Jahren musste der Anlass abgesagt werden.

Wiedergeburt im Unterland

Der Schock wirkte reinigend. Die Züri Metzgete wurde schon ein Jahr später wiedergeboren. Etwas bescheidener, als sauberer Breitensportanlass mit Start und Ziel in Buchs. Der Anlass ist zurück im Unterland. Starten dürfen seither nur noch Hobbyfahrer und Nachwuchstalente, dopinggefährdete Profis sind ausgeschlossen. Die «Bschiisser» mit Epo in
den Adern vermisst niemand.
Mit den grossen Namen sind allerdings auch die Werber und damit das Fernsehen verschwunden. Hatte die Profi-Züri-Metzgete noch ein Budget von 1 Million Franken, darf die neue Züri Metzgete noch 200 000 Franken kosten.
Mit dem neuen Hauptsponsor änderte sich der Name in EKZ Züri Metzgete für Nachwuchsfahrer und EKZ Volksmetzgete für Hobbyradler.
2008 nahmen am Prestige-Anlass des RVZ fast 1000 Gümmeler in verschiedenen Kategorien teil. Heuer, am 6. September, rechnen die Veranstalter mit 1200 Teilnehmern aus dem In- und Ausland. Geradelt wird übrigens in modernen, kratzfreien Trikots ...

Steffen Riedel
Originalartikel als
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