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Aktuelle Seite: HomeMedienMedienberichtePressearchiv 2009Ein Stammgast fehlt erstmals

Ein Stammgast fehlt erstmals

Angerichtet ists. Morgen Sonntag findet im Unterland die 95. Züri Metzgete statt. 40 Mal bereits hat Ernst Bretscher diesen Anlass genossen – als Rennfahrer und als Berichterstatter.

26zu05sportangetroffenMorgen Sonntag wird Ernst Bretscher bei der 95. Austragung der Züri Metzgete nicht dabei sein. Nicht einmal als Zaungast. «Von den letzten 50 Austragungen habe ich sicher 40 gesehen», erzählt der 70-Jährige. Ein Krebsleiden hat seine Gesundheit in den vergangenen Monaten arg strapaziert. Im Jahr 2008 konnte er noch vollumfänglich seinem Hobby frönen und ist 8000 Kilometer Rennvelo gefahren. So wie all die Jahre zuvor. 500 000 Kilometer war er seit 1954 auf seinem Rad unterwegs. Momentan bereitet ihm aber wegen seiner Krankheit bereits das Laufen Probleme. «Bis fünfhundert Meter kann ich am Tag gehen, mehr nicht.»

Obwohl Ernst Bretscher morgen Sonntag auf seine geliebte Züri Metzgete verzichten muss, ist er als ehemaliger Radrennfahrer und Sportjournalist über den Radrennsport noch immer informiert. Über den regionalen, nationalen und internationalen. Mehr als 1000 Fernsehsender empfängt er in seiner Wohnung mit einer Spezialantenne. So ist es ihm möglich, Rennen und Rundfahrten auf der ganzen Welt zu verfolgen. Gerne schwelgt der Oberhasler auch in Erinnerungen: In seinem Zuhause finden sich unzählige Radsportbücher, ehemalige Zeitungsberichte, Statistiken, Vereinswimpel und Pokale. Er besitzt in der Schweiz eines der grössten Radsportarchive.

Defekt am Siglistorfer

Vier wertvolle Rad-Auszeichnungen hat der Unterländer selber gewonnen. 1960 stand er nach zwei Verfolgungsrennen in Zürich zuoberst auf dem Podest, ein Jahr später siegte er bei den Neuenburger Kantonalmeisterschaften und 1970 bei einem Strassenrennen im schwedischen Landskrona. Seine beste Platzierung bei einer Züri Metzgete war 1960 ein 10. Rang. Zwei Jahre zuvor hätte es indes noch besser sein können. «Ich überquerte den Siglistorfer als Zwölfter, war in guter Form, ehe ich einen platten Reifen einfing, den ich selber flicken musste.» 14 Mal fuhr Bretscher die Züri Metzgete. Zwölf Mal als Amateur B und zweimal als Amateur A. Bretscher ist bereits als Kind vom Radrennsport-Virus infiziert worden. 1946, als Achtjähriger, durfte er mit seinem Vater die Rad-Weltmeisterschaften in Zürich-Oerlikon besuchen. Obwohl er als kleiner Knirps inmitten der 10 000 Radfans fast nichts sah («ich war klein, und die Männer hatten grosse Hüte an»), fand er Gefallen an diesem Sport. 1954 trat er mit Schulkollegen dem Racing Club Seebach bei. «An den schulfreien Nachmittagen sind wir jeweils nach Eglisau gefahren und haben uns bei der Mineralquelle gratis ein Vivi-Kola und Radbilder geholt.» Vivi-Kola war damals Sponsor mehrerer Schweizer Radstars und verteilte Autogrammkarten.
Ende 1955 bestritt Bretscher als 17-Jähriger sein erstes Bahnrennen. Ein Jahr darauf gab er bei der Vierkantonerundfahrt auf der Strasse sein Debüt. 751 Strassenrennen und 99 Bahnrennen in 25 Ländern wurden es bis 1983 insgesamt. Weil der gelernte Buchhalter neben dem Radfahren auch gerne reiste, verband er seine beiden Hobbys und ging häufig im Ausland an den Start, so wie bei Rundfahrten in Kanada, Mexiko, Israel, Algerien, Südafrika und Tunesien sowie bei Eintagesrennen in den USA, dem Libanon und Syrien. Fast immer nahm er Rennfahrerkollegen mit, die von seinem Organisationstalent und seiner Vielsprachigkeit profitierten.

Lachen trotz Schmerzen

Zur Person
Geburtsdatum: 3. Oktober 1938
Wohnort: Oberhasli – Zivilstand: Ledig
Beruf: kaufmännischer Angestellter/Journalist.
Sportliche Funktion: 20 Jahre im Vorstand des Schweizerischen
Rennfahrerverbandes.
Sportliche Erfolge: 751 Strassen- und 99 Bahnrennen in
25 Ländern. Siege bei zwei Verfolgungsrennen im Zürcher
Hallenstadion 1960, bei der Neuenburger Kantonalmeisterschaft
1961 und bei Strassenrennen in Landskrona/Sd 1970.

Bereits während seiner sportlichen  Karriere berichtete Ernst Bretscher als Journalist von Radrennen. Seit 1960 für die damalige Fachzeitung «Sport», danach unter anderem für die «NZZ», das Fachmagazin «Rad- und Motorsport», den damaligen «Züribieter» und danach für den «Zürcher Unterländer».
Trotz seiner immensen Erfahrung: Alles über den Radsport weiss auch Ernst Bretscher nicht. Auf die Frage, weshalb die Züri Metzgete denn Züri Metzgete heisse, sagt er, er wisse es nicht. Aber vielleicht heisse sie so, fügte er an, weil sich die Velofahrer bei diesem Rennen oft anstrengen, also «durchmetzgen» müssen. Bretscher lacht ob seiner Antwort.
Auch übermorgen Montag wird er glücklich sein, wenn er in verschiedenen Zeitungen die Berichte über die 95. Züri Metzgete lesen wird.

Markus Wyss
Originalartikel als PDF