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Redimensionierte Visionen

Die «Züri-Metzgete» 2009 ist eine Bühne für Hobbyradler und Profifahrerinnen auf Arbeitssuche

NZZ 07 09 09Es war ein guter Plan. Die «Züri-Metzgete», lange Zeit ein fester Wert im internationalen Radsportkalender, musste 2007 wegen fehlender Sponsorengelder abgesagt werden. Dank engagierten Mitgliedern des Radfahrervereins Zürich erlebte die Classique im Jahr 2008 jedoch eine Wiederauferstehung. Im kleineren Rahmen, auf der ursprünglichen Strecke im Zürcher Unterland – und ohne die männlichen Professionals, wegen deren Dopingskandalen zuvor alle Sponsoren abgesprungen waren. Den Spitzensport sollten künftig die Frauen  würdig vertreten.

Es war eine schöne Vision. Fritz Bösch, der Besitzer der Bigla AG und ehemalige Präsident von Swiss Cycling, wollte talentierten Schweizer Fahrerinnen die Möglichkeit geben, in professionellem Umfeld zu trainieren. Der Frauen-Radsport sollte mehr Aufmerksamkeit erhalten, der Nachwuchs ermutigt und gezielt gefördert werden – und das Bigla-Team in der Lage sein, konstant mit der Weltelite mitzuhalten. Medaillengewinne an den Olympischen Spielen in Peking und an den Strassen-WM in Varese wurden als Ziele definiert.
Der Plan der Organisatoren der wiederauferstandenen «Züri-Metzgete» ging nicht auf. 2008 war das Frauen-Feld zwar international besetzt, in der Elite-Kategorie starteten 58 Fahrerinnen. Doch gemäss dem OK-Chef Michael Ausfeld war die Differenz zwischen Aufwand und Ertrag zu gross. Startgagen, das Engagement von Rennkommissären und Dopingkontrolleuren belasteten das Budget; die Durchführung des Frauenrennens brachte aber nicht die erwünschte Aufmerksamkeit.
Die Vision von Bösch erwies sich als zu illusorisch. Nach kurzer Anlaufzeit konnte das Bigla-Team zwar diverse Erfolge verzeichnen, einige Schweizer Fahrerinnen vermochten sich auf internationaler Ebene zu etablieren. Aufgrund der positiven Entwicklung und weil die Strassen-WM heuer im Tessin stattfinden, entschloss sich Bösch frühzeitig, das Team bis Ende 2009 zu unterstützen. Doch dann schwanden Erfolg und Aufmerksamkeit, und die wirtschaftlichen Umstände machten es unmöglich, einen Nachfolger aufzutreiben.
Der Plan wurde geändert. An der «Züri-Metzgete» 2009 liegt der Fokus nicht mehr auf den Frauen, sondern auf dem Breitensport. Gerade mal 28 Fahrerinnen, Nachwuchs und Elite zusammengenommen, gingen am Sonntag in Buchs an den Start – dagegen nahmen Hunderte von Hobbyfahrern das Rennen in Angriff. Sie verliehen dem Anlass die besondere Stimmung. Statt
Glamour war Gemütlichkeit spürbar, die Zuschauer entlang der Strecke warteten nicht mehr auf Prominenz, sondern feuerten Bekannte an. Der OK-Chef Ausfeld zeigte sich zufrieden mit der Steigerung der Teilnehmerzahl um 10 Prozent. «In der momentanen Wirtschaftslage ist es schwierig, einen solchen Anlass überhaupt am Leben zu erhalten », sagt er. Da muss man flexibel sein und nicht vor Planänderungen zurückscheuen.
Die Vision ist redimensioniert, aber noch nicht ganz ausgeträumt. Nächste Saison wird es immerhin noch ein Bigla-Nachwuchsteam geben. Und im Frauenrennen der «Züri-Metzgete» setzte sich die Bigla-Fahrerin und derzeitige Schweizer Strassenmeisterin Jennifer Hohl durch. Die 23-Jährige gilt als sehr talentiert und ist zuversichtlich, nächstes Jahr für ein anderes Team auf internationalem Niveau fahren zu können. Einige ihrer Kolleginnen wissen jedoch noch nicht, ob sie nächste Saison irgendwo Unterschlupf finden, schliesslich herrscht in der ganzen Branche Sparkurs. «Vielleicht gibt es ja bald wieder so einen Spinner, wie ich es bin», sagt Fritz Bösch hoffnungsvoll.

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Anja Knabenhans (Text), Adrian Baer (Bilder)
Originalartikel als PDF