Züri-Metzgete «Meisterschaft von Zürich»

Fun Facts

Geld war schon 1910 ein Thema

Der Grund zur Gründung der Züri-Metzgete war 1910 ein sehr profaner: Mit der Durchführung der «Meisterschaft von Zürich» wollte der VC Westfalen die Schuldenlast abtragen, welche bei der Anschaffung eines viel zu teuren Sportanzugs «aus feinstem Stoff» entstanden war. Offenbar war auch die Zahlungsmoral der Mitglieder nicht über alle Zweifel erhaben, wurden doch mehrere Mitglieder deswegen ausgeschlossen.

Mit dem Startgeld von 5 Franken konnte immerhin ein Beitrag für die gleichentags geplante Fahnenweihe des VC Westfalen erwirtschaftet werden. Im Rad-Sport wird über das Rennen und das Fest berichtet: «Bei den Klängen der Festmusik Dübendorf wickelte sich draussen das Langsam- und Hindernisfahren ab, wobei der schnellste Fahrer des Tages, Paul Suter, sich auch den ersten Preis im Langsamfahren (Stargeld: 1 Franken) holte.»

Schnee auf der Hulftegg - Feuer an der Wagenbreche

1951 war wohl die dramatischste von allen Züri-Metzgete. Nur 13 Berufsfahrer wurden klassiert und von 170 gestarteten Amateuren erreichten nur 16 das Ziel. Der Rennverlauf wurde komplett zur Nebensache.

Schon kurz nach dem Start hatte Schneetreiben eingesetzt und dann überstürzten sich die Ereignisse. Die Fünfergruppe an der Spitze streckte gemeinsam die Waffen und immer mehr Fahrer suchten Schutz in Häusern oder in Begleitautos. Auch die Uebersetzungswechsel waren «erfroren» und wurden in Brunnentrögen enteist. Auf der Hulftegg lag 10 cm Schnee und auf der Wagenbreche hatten Zuschauer ein Feuer entfacht, bei dem sich mehrere Amateure wieder aufwärmten.

«Mangels Aktiven» war das Rennen nah am Abruch, schlieslich erreichen von den 909 gestarteten Fahrern aller Kategorie nur 171 das Ziel. Ein paar unentwegte Zuschauer sahen mit einer Stunde Rückstand auf die Marschtabelle den Spurtsieg des Genfers Jean Brun vor Fritz Schär, Hans Sommer und Hugo Koblet.

75 Minuten Rückstand

Pogacar hat lange Solofluchten auch im modernen Radsport wieder zurückgebracht. Das Aargauer Trio Heiri und Max Suter sowie Kastor Notter beendete 1924 das 150 km-Pensum über Gibswil – Bäretswil – Winterthur und Wagenbreche mit 20 Minuten Vorsprung auf die nächsten Fahrer.

In der Schlechtwetterfahrt 1951 traf der 16. und letztklassierte Profi-Fahrer mehr als fünfviertel Stunden nach dem Sieger ein.

Die Strecken und gefürchteten Anstiege der Metzgete

In den ersten Jahren führte die Züri-Metzgete nur über 100 und 150 km, erst ab 1927 betrugen die Distanzen mehr als 200 km. Während vielen Jahren folgte der Rundkurs einer grossen Schlaufe durch das Zürcher Oberland und zum Rhein. Gefürchtet waren die Steigungen von Fisibach zur Siglistorfer Höhe (auf Naturstrasse) und von Dielsdorf oder Sünikon nach Regensberg; später auch der ungemein steile Hüttiker, die Weiningerhöhe und vorübergehend die Rampe der Gsteigstrasse in Höngg.

Der «Siglistorfer» wurde 1928 erstmals in den Parcours eingebaut – und zwar unfreiwillig, weil wegen der Maul- und Klauenseuche die Strecke geändert werden musste. Während dem zweiten Weltkrieg musste auf Weisung des Armeekommandos der «Siglistorfer» vorübergehend wieder weggelassen werden, weil das Rennen nicht in Grenznähe am Rhein geduldet wurde. In dieser Periode führte die MvZ über Lenzburg via Luzern bis nach Menzingen und über den Sattel zurück ins Zürcher Oberland.

Streckenposten

Auch zu Zeiten als im Vergleich mit heute sehr wenig Verkehr herrschte, haben neben einzelnen Polizisten auch SRB-Sektionen die Streckensicherung nach genauen Weisungen der Veranstalter gewährleistet. Dies in erster Linie, damit die Fahrer die richtige Strecke befuhren, aber auch um «Fussgänger und Fuhrwerke auf das Rennen aufmerksam zu machen und höflich zur Freigabe der Fahrbahn zu ersuchen.»

1950 hält der Berichterstatter erstaunt fest: «Mit Schmunzeln registrierten wir an vereinzelten Orten sogar weibliche Streckenposten, die ihrer Aufgabe mit besonderer Gewissenhaftigkeit nachzukommen schienen…»

Und 1961 wird erwähnt, dass «die Polizei teilweise mit Funkgeräten ausgerüstet war um die Verbindung mit dem nächsten Streckenposten möglichst reibungslos und ohne grossen Aufwand an Menschenmaterial zu bewerkstelligen.»

Für die Regularität des Rennens waren allerdings die Rennkommissäre zuständig, welche jedoch nur einen kleinen Teil überblicken konnten. So wurde schon vor 60 Jahren gewisse Auswüchse kritisiert: «Das Stossen in den Steigungen ist eine Unsitte, welche speziell am ‚Regensberger’ praktiziert wurde. Da wurden einige abgehängte Berufsfahrer buchstäblich wie am Förderband hinaufgebaggert. Dass es sich dabei vielfach um ehemalige Rennfahrer handelt, macht die Sache nicht besser.»

Erschwerte Bedingungen während und nach dem Krieg

Weil wegen Benzinmangel nur wenige Begleitfahrzeuge möglich waren, gab es mehrere Unterschriftenkontrollen oder es musste an bestimmten Orten eine Kontrollmarke abgeworfen werden, damit die Jury kontrollieren konnte, ob die Fahrer die Strecke korrekt absolviert hatten.

Die Unbill der Kriegszeit wurde berücksichtigt, indem den Fahrern das Startgeld von 5 Franken zurückerstattet wurde, wenn sie in der Armee keinen Urlaub erhielten. Kein Spass verstand man jedoch mit all jenen, die dem Start unentschuldigt fernblieben. Über 60 Fahrer, darunter drei Profi, wurden während drei Wochen gesperrt.

Gnade vor Recht liess man einmal bei Paul Egli walten. Während Jahrzehnten hatten die Fahrer am Samstag bis 17 Uhr zur Startnummernausgabe und Fahrradplombierung zu erscheinen. Weil der Bauernsohn aus Dürnten 1935 mit dem Vater eine Kalberkuh zu betreuen hatte, erschien er erst nach 22 Uhr im Predigerhof zur Plombierung. Nach mehrmaligem Bitten fand er bei einem Mitglied der Sportkommission Gnade und durfte am andern Morgen um 3 Uhr gleichwohl starten. Trotz nur wenigen Stunden Schlaf gewann er die Züri-Metzgete zum zweiten Mal.

Früher Start

Während der ersten 50 Jahren startete die Züri-Metzgete in aller Hergottsfrühe. Als die Distanzen von 150 auf über 200 km erhöht wurden, mussten die Berufsfahrer mehrmals schon um 3 Uhr und noch bei Dunkelheit losfahren. Anfänglich galt es auf den Gottesdienst Rücksicht zu nehmen, später gab es eine nationale Bestimmung, dass alle Radrennen vor 12 Uhr mittags beendet sein mussten.

Zuschauerauflauf

Die Züri-Metzgete hat von Anfang an wie viele andere Radrennen die Leute begeistert. 1922 sollen am Ziel auf dem Neubühl 15'000 Zuschauer den dritten Sieg von Heiri Suter beklatscht haben.

Amateure überholen Profis

Während vielen Jahren waren bis zu sechs Kategorien gleichzeitig auf dem Parcours. Das bedingte eine sorgfältig berechnete Marschtabelle, damit sich die Fahrerfelder nicht vermischten. Nicht immer hatten die Techniker dies im Griff. So etwa am 2. Mai 1976, einem strahlenden Frühlingstag, der ein grosses Velofest erwarten liess. Der Rennleitung war es nicht gelungen, die zwei Schweizer Gilbert Bischoff und Peter Wollenmann zurückzuhalten als die Elite-Amateure in Berg am Irchel das Feld der Berufsfahrer überholten. Die Profis, vier Minuten zu spät gestartet und an einer Barriere in Uster aufgehalten, fuhren wie damals üblich vorerst in relativ gemächlichem Tempo, während die eine Viertelstunde später gestarteten Amateure wie die Feuerwehr losgezogen waren. Kurz vor dem Siglistorfer inszenierten die renommierten Profis Moser, De Vlaeminck, Merckx und Gimondi einen Sitzstreik und drohten mit der Aufgabe, wenn die zwei ungehorsamen Schweizer nicht gestoppt würden. Das Problem löste sich von selbst, weil Bischoff vor der Zusatzrunde entkräftet aufgab und auch Wollenmann bald darauf ausschied. Fast 20 Jahre später passierte das Gegenteil. Die Profis unterboten ihre Marschtabelle auf der Fahrt von Basel nach Zürich schon in Gippingen um 18 Minuten. Eine Spitzengruppe der Amateure musste dort gestoppt werden, weil sich die beiden Rennen sonst vermischt hätten.

Vergebliche Mühe

Auch Fahrer, welche in andern Rennen gleich mehrmals erfolgreiche waren, nahmen mehrmals und umsonst Anlauf, die Züri-Metzgete zu gewinnen. In dieser Beziehung war Jan Ullrich der Auffälligste, weil er vier Mal als Zweiter das Nachsehen hatte: 1997 (hinter Davide Rebellin), 2000 (hinter Laurent Dufaux), 2001 (hinter Paolo Bettini) und 2003 (hinter Daniele Nardello).

Hauptprobe für erste TV Live-Uebertragung

Vor 30 Jahren waren TV-Liveübertragungen noch keine Selbstverständlichkeit. Im Hinblick auf die Rad-WM 1983 in Altenrhein übertrug das Schweizer Fernsehen an der MvZ 1981 erstmals mit eigenen Mitteln in Farbe – ausgerechnet beim Sieg von Beat Breu.

Indirekt war die Live-Uebertragung sogar am Erfolg des späteren TdS-Siegers beteiligt. Sein Teamchef Auguste Girard hatte seine Fahrer angewiesen, dass in jeder Fluchtgruppe ein Cilo-Fahrer vertreten sein müsse – man wolle die Chance nutzen, sich positiv im Fernsehen zu zeigen. Weil vor Beginn der Live-Uebertragung das Renngeschehen vom Start weg in einer Zusammenfassung gezeigt wurde, galt der Befehl auch für frühe Ausreissversuche.

Beat Breu kann sich noch gut an die längste und erfolgreichste Flucht in der Züri-Metzgete erinnern: «Wir fuhren im Bindfadenregen über die Forch und in der Abfahrt zum See schien Urs Freuler – wie immer – keine Bremsen zu haben. Auf der Seestrasse angekommen, gab es kein Feld mehr – nur noch viele Gruppen. – Vor Stäfa sah ich, dass einer allein vorausfuhr und erinnerte mich an Girards Devise. So fuhr ich zu Henry Rinklin

vor und dann waren wir während 240 km nur zu zweit im strömenden Regen.»

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